Schneeglöckchen - Galanthus nivalis

Schneeglöckchen - Galanthus nivalis

 

BOTANISCHER STECKBRIEF

Botanischer Name: Galanthus nivalis

Pflanzenfamilie:  Narzissengewächse (Amaryllidaceae)

Volksnamen: Amsel-Blümeli, Hübsches Februar-Mädchen, Jungfer im Hemd, Lichtmess-Glöckchen, Lichtmessglocken, Märzglöckchen, Marienkerzen, Milchblume, Schneeblümely, Schneeguckerl, Schneekater, Weiße Jungfrau

Merkmale:  Ausdauerndes, bis maximal 25 cm hohes Narzissengewächs; die Zwiebel dient als Speicherorgan, in der Form kugelig bis eiförmig und  1 - 2 cm dick; Blüten einzeln stehend, nickend; grundständige Laubblätter in blaugrün bis graugrün und linealisch. Die Art überdauert als Zwiebel den Winter; Fruchtreife im Mai oder Juni; Vermehrung der Samen durch Ameisen oder durch Brutzwiebeln.

Vorkommen und Lebensraum: Von Nordspanien und Frankreich bis in die Ukraine und zum Schwarzen Meer. Südlichste Vorkommen auf Sizilien und Griechenland, die Nordgrenze verläuft durch Süddeutschland. Vereinzelte Wildbestände in Bayern und Baden-Württemberg. Lebensraum: Schattige und feuchte Laubmischwälder, Auwälder mit nährstoffreichen, tiefgründigen und humosen Mullböden. Meist als Zierpflanze kultviert, häufig verwilderte Kulturen in Parks und Gärten; Wildformen sind extrem selten zu finden.

Blütezeit: Ursprüngliche Bestände März und April, Kulturformen meist schon von Februar bis März.

Blütenmerkmale und -farbe: Blütenfarbe weiß; drei weiße äußere Blütenblätter;  drei innere Blütenblätter, Zipfel mit grünem Fleck; Blüten einzeln am Stängel hängend

Geruch und Geschmack: Kein nennenswerter Eigengeruch, Geschmack der Zwiebel: scharf und bitter

Sammelhinweise: Das Schneeglöckchen steht unter Naturschutz und ist in der Roten Liste der gefährdeten Arten aufgeführt. Es darf nicht aus Wildbeständen nicht gesammelt werden.

Verwechslungsgefahr besteht mit Märzenbecher (Laubblätter grasgrün, glockenartige Blüte mit gleichartigen Zipfeln)

 

Etymologie, Symbolik und Signatur

Wenn Winterstürme, Eis und Schnee noch die Erde bedeckt hält, regt sich als erstes Zeichen des nahenden Frühlings das Schneeglöckchen aus der Erde. Im Laufe der Evolution hat es erstaunliche Überlebensstrategien entwickelt. So setzen zuckerhaltige Substanzen  im Zellplasma den Gefrierpunkt des Wassers so weit herab, dass der Stoffwechsel aufrecht erhalten werden kann und Kälte keinen Schaden anrichtet. Aller Winterfestigkeit zum Trotz liebt das Schneeglöckchen geschützte Standorte und ist ausgesprochen sonnenhungrig. Es ist damit nicht nur zum Symbol der Hoffnung auf das Licht und den Frühling, sondern gleichzeitig ein Symbol für die Regenerationskraft der Natur geworden.

Der botanische Name des Schneeglöckchens Galanthus nivalis wurde von Carl von Linné geprägt. Er geht auf die griechischen Wörter "gála" = Milch und "ánthos" = Blüte zurück. In Verbindung mit dem lateinischen nivalis = schneebedeckt, verschneit kann er als "schneebedeckte Milchblüte" übersetzt werden. Mit etwas Phantasie kann man die weißen Hüllblätter mit einer weißen Schlafmütze vergleichen, die zu tief ins Gesicht gezogen wurde. Es verkörpert das Symbol des Halbschlafes oder dem gesteigerten Schlafbedürfnis und der Tagesmüdigkeit wie sie häufig bei Demenz- und Alzheimerpatienten vorkommen.

Brauchtum und Sagenhaftes

Das Schneeglöckchen gilt schon lange als Lichtmessblume und ist eng mit dem katholischen Fest "Maria Lichtmess" verbunden, dessen Feier am 2. Februar begangen wird. In alten Zeiten wurden die weißen Blumen zu Lichtmess auf den Altar gestreut, was der Pflanze die Bezeichnungen Lichtmessglöckchen oder Marienkerze eingebracht hat. Das schneeweiße Blümchen wird als wichtiges Marienattribut gesehen, denn es verkörpert wie die heilige Maria schichte Reinheit, Demut und Jungfräulichkeit. Auf Altarbildern der Renaissance hat man die Gottesmutter Maria auch gerne mit dem Schneeglöckchen abgebildet.

Der Volksname Weiße Jungfrau hat nicht nur einen Bezug zur Jungfrau Maria, sondern auch zur keltischen Vegetationsgöttin Brigid, die zu Imbolc (Maria Lichtmess) Anfang Februar als reine weiße Jungfrau das Licht und die wärmenden Sonnenstrahlen zurückbringt. Schneeglöckchen sind in der Lage, soviel Eigenwärme zu entwickeln, dass in seiner Umgebung Schnee schmilzt. Und da es als erste Pflanze ihre weißen Blüten aus der Schneedecke ragen lässt, wird es auch mancherorts als Schneeguckerl bezeichnet. Es signalisiert das Ende Weihnachtszeit und des Winters und lässt auf die wärmende Sonnenkraft und das Wachstum im Frühjahr hoffen.

Wenn die Amseln mit ihrem Gesang den nahenden Frühling ankünden, dann blüht auch das Amselblümeli, wie die Schweizer das Schneeglöckchen gerne nennen. Nach der Dauer der Blütezeit lässt sich die Dauer des Sommers bestimmen, glaubt man in der Alpenrepublik. Welken die Schneeglöckchen früh, so deutet dies leider auf einen kurzen Sommer. Sie überbringen uns durch ihr Dasein die Botschaft, dass der Winter zu Ende geht, die Tage spürbar länger und wärmer werden und das Frühjahr mit all seinen Farben und Düften kommen wird. Auch Friedrich Rückert (1788 - 1866) überlieferte uns eine idyllische Schilderung der Natur:

Der Schnee, der gestern noch in Flöckchen
Vom Himmel fiel
Hängt nun geronnen heut als Glöckchen
Am zarten Stiel.
Schneeglöckchen läutet, was bedeutet's
Im stillen Hain?

O komm geschwind! Im Haine läutet's
Den Frühling ein.
O kommt, ihr Blätter, Blüt' und Blume,
Die ihr noch träumt,
All zu des Frühlings Heiligtume!
Kommt ungesäumt!

So mag es auch nicht wundern, dass das kleine kältetrotzende Blümchen auch im Aberglauben Beachtung fand. Nach altem Volksglauben soll man sich mit dem ersten Schneeglöckchen, das man zu Beginn des Frühling sieht, die Augen auswischen. Dann, so hieß es, wird man das ganze Jahr nicht krank und kranke Augen werden gesund. Zuweilen nutze man sie auch als Wetterorakel. Welken die Blümchen früh, so deutet dies auf einen kurzen Sommer hin.

Während man in Griechenland die Schneeglöckchen vermutlich wegen ihrer unschuldigen weißen Farbe als geeignete Blumen für Brautkränze fand, hieß es in England, man dürfe sie nicht nach Hause bringen. Dort galt die weiße Blütenfarbe als Todesbote und zudem herrschte der Aberglaube, dass dann Milch der Kühe wässrig werde.

PHARMAKOLOGIE

Verwendete Pflanzenteile: Schneeglöckchenzwiebel (Galanthi bulbus)

Wirkstoffe: Bis zu 0,9% Alkaloide. In der Zwiebel befindet sich vorwiegend das Amaryllidaceen-Alkaloid, in anderen Pflanzenteilen Tazettin, Galanthamin und Lycorin. Das medizinisch wichtigste Alkaloid ist Galanthamin mit bis zu 0,15% in den Zwiebeln

Indikationen: Zur symptomatischen Behandlung von Alzheimer, Gedächtnisstörungen, Kinderlähmung, Nervenschmerzen, Trigeminusneuralgie, Muskelschwäche. In homöopatischen Dosen bei Myokarditis

Sicherheitshinweise: Alle Pflanzenteile werden als gering giftig eingestuft. Der Verzehr von bis zu 3 Zwiebeln wird in der Regel problemlos vertragen. Phytotherapeutische Zubereitungen der Pflanzenteile sind nicht zur Selbstmedikation geeignet. Die Vergiftungserscheinungen reichen von vermehrtem Speichelfluss über Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall. Gelegentlich kommt es zu Kreislaufstörungen, Schweißausbrüchen, enge Pupillen und Benommenheit. Bei starker Vergiftung Lähmungserscheinungen.

Heilanwendung

Die Tradition der Heilanwendung des Schneeglöckchens reicht noch nicht allzu lange zurück. Sowohl in den Werken der Frühzeit, des Mittelalters als auch in den klassischen Texten der Renaissance, wie bei Otto Brunfels, Leonhart Fuchs, Adam Lonitzer und Tabernaemonantus, wird die Gattung nicht erwähnt. Es war eher dem Zufall zu verdanken, dass ein russischer Pharmakologe in den frühen 1950er Jahren von Dorfbewohnern am Rande des Kaukasusgebirges erfährt, dass diese das Kaukasische Schneeglöckchen (Galanthus woronowii) zur Behandlung der Kinderlähmung einsetzen. Die Bäuerinnen gaben den an Kinderlähmung erkrankten Kindern einen Aufguss aus den Zwiebeln der dort heimischen Art. Diese sollen nach den mündlichen Überlieferungen auch wieder gesund geworden sein.

Für die heutige therapeutische Verwendung wurde aus unserem verwandten heimischen Schneeglöckchen (Galanthus nivalis), dem Kaukasischen Schneeglöckchen (Galanthus woronowii), erstmals in den 1950er Jahren das Alkaloid Galantamin gewonnen. Dies gehört zur Gruppe der zugelassenen Arzneimittel, die die Psyche beeinflussen und zur symptomatischen Behandlung bei leichter bis mittelgradiger Demenz vom Alzheimer-Typ Verwendung finden. Voraussetzung für die Wirksamkeit ist des Arzneimittels ist eine ausreichende Restfunktion des Gehirns, da der Wirkstoff das Absterben der Nervenzellen nicht verhindert, sondern die Funktion der verbliebenen Zellen verbessert. Galanthamin hemmt das Enzym Cholinestrase, wodurch die Wirkung des Botenstoffs Acetylcholin verlängert wird. Dieser ist unter anderem für die Gedächtnis- und Konzentrationsleistungen im Gehirn notwendig. Die verschreibungspflichtigen Alzheimer-Präparate (Beispiel Reminyl®) werden jedoch heute nicht mehr als den natürlichen Quellen des Schneeglöckchens, sondern durch chemische Synthese hergestellt, da die natürlichen Vorkommen den Bedarf an Galanthamin bei weitem nicht decken können. Ferner wird das isolierte Galanthamin zur symptomatischen Behandlung von neuro­musku­lären Erkrankungen, wie Neuritis und Neuralgie, sowie bei krank­hafter Muskelschwäche (Myasthenia gravis) und Kinderlähmung  verwendet. Damit kann das Schneeglöckchen als Symbol für die Regenerationskraft der Natur gesehen werden.

Die homöopathische Substanz Galanthus nivalis wird hergestellt aus der Zwiebel der Pflanze vor der Blüte des Schneeglöckchens. Galanthus gilt als kleines Heilmittel der Homöopathie. Die bisherige Verordnung umfasst vor allem Herzleiden, wie Entzündungen des Herzmuskels. Ebenso wurde in den Arzneimittelprüfungen auch Symptome wie drohende Ohnmacht und Schwächegefühl getestet. Weitere Arzneimittelprüfungen sind abzuwarten. Vor allem die nach dem Verzehr in hohen Dosen auftretenden Lähmungserscheinungen könnten nach dem homöopathischen Gesetz "Ähnliches möge mit Ähnlichem geheilt werden" auf eine Anwendung bei Lähmungserscheinungen unterschiedlichster Art hinweisen.

LITERATUR
Bächtold-Stäubli H unter Mitwirkung von Hoffmann-Krayer E.: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, Band 7, Walter de Gruyter, Berlin, New York 1987
Boericke W: Handbuch der homöopathischen Materia medica, Karl F. Haug Verlag, Heidelberg 1996
Genaust H: Etymologisches Wörterbuch der botanische Pflanzennamen, Genehmigte Lizenzausgabe für Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Hamburg 2005
Botheroyd S und P F.: Lexikon der keltischen Mythologie, Diederichs Verlag, München 1992
Roth L, Daunderer M., Kormann K: Giftpflanzen - Pflanzengifte, Sonderausgabe 2012 für Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, Hamburg
Ritter von Perger Anton: Deutsche Pflanzensagen, 5. Reprint-Auflage der Original-Ausgabe Stuttgart, Oehringen 1864. Leipzig: Zentralanitiquariat der DDR 1987
Vonarburg B: Homöotanik Arzneipflanzen der Homöopathie, Illustrierte Materia medica, Band 1, Karl F. Haug Verlag Stuttgart, 2009

Zurück