Huflattich - Tussilagio farfara

Huflattich - Tussilagio farfara

NAMENSDEUTUNG

Es muss sich schon um eine bedeutende Heilpflanze handeln, wenn französische Apotheker ihre Gewerbeschilder mit einem Huflattichblatt zieren und der botanische Gattungsname Tussilago übersetzt nichts anderes als "Ich vertreibe den Husten" (lat. tussis = Husten und agere = ich vertreibe) heißt und uns gleich von seiner medizinischen Anwendung erzählt. Der Artname farfara ist auch nicht zufällig gewählt, sondern beschreibt die flaumige Behaarung der Blattunterseite, welche die Pflanze wie mit Mehl bestäubt aussehen lässt (lat. far = Mehl und ferre = tragen).

Mit den milchsaftführenden Latticharten (Lactuca) hat der Huflattlich botanisch nichts gemein. Vielmehr wurden in früherer Zeit verschiedene großblättrige Pflanzen als "lapatitum" (lat.) bezeichnet. Seine Blattform erinnert an die Hufe der Gattung Equus, womit sich nicht nur seine deutsche Bezeichnung Huflattich, sondern auch die Volksnamen Eselshuf, Fohlenfuß, Pferdefuß, Rosshuf und Rosslattich erklären. Märzenblume wird Huflattich in Teilen des Oberpfälzer Gebietes genannt, weil sich seine Blüten bereits im März zeigen. Nach der mächtigen Erscheinungsform der Blätter nannte man die Huflattichblätter dort auch "Huefbledschen" oder "Hetschenblätter" unter denen die "Hetschen" = Kröten sitzen, um sich vor der Sonne zu verbergen.

SIGNATUR

Kaum ist der letzte Schnee geschmolzen, zeigen sich seine ersten sonnengelben Blüten in der Frühjahrssonne. Tatsächlich wird Huflattich mancherorts als Sonnentürchen bezeichnet. Er gilt als Symbol des erwachenden Frühlings und kündigt den Sieg der Sonne über den eisigen Winter an. Die strahlige Blüte wird pflanzenastrologisch der Sonne und aufgrund der Zeit des Vorfrühlings dem Merkur zugeordnet. Sie lässt das Merkurorgan Lunge nach den kalten und nassen Wintertagen wieder durchatmen und vertreibt die Schäden des Winters. Wie bei anderen hustenlösenden Heilpflanzen auch (Beispiel Alant) zeigen sich beim Huflattich auf der Blattunterseite wollig-filzige Haare, die an die Flimmerhaare der Atemwege denken lassen. Flimmerhaare sind zur aktiven Bewegung fähig und können die Atemwege durch stetes Schlagen von Schleim und eingeatmeten Fremdstoffen befreien. Betrachtet man den gesamten Wachstumszyklus der Pflanze, fällt ein verschobener Entfaltungsrhythmus auf. Die Blüte erscheint vor den Blättern, oder, wie der Volksmund sagt, es kommt der Sohn vor dem Vater - sie  atmet quasi zuerst aus und dann ein.

BOTANISCHER STECKBRIEF

Botanischer Name: Tussilago farfara L.

Volksnamen: Ackerlattich, Bachblümlein, Brandlattich, Brustlattich, Eselshuf, Fohlenfuss, Hustenkraut, Märzenblume, Pferdefuß, Rosshuf, Rosslattich, Sohn vor dem Vater, Sonnentürchen, St. Quirinskraut, Tabakkraut, Teeblüml, Wilder Tabak

Pflanzenfamilie: Korbblütler (Asteraceae)

Merkmale:  Bis 20 Zentimeter hohe winterharte Ruderalpflanze. Nach dem Winter treibt der kriechende Wurzelstock Blütenstiele mit je einem Köpfchen aus, die mit grünen bis rötlichen Schuppen bedeckt sind. Aus den Blüten entwickeln sich 3 bis 6 mm lange, mit einer Haarkrone versehene kahle Früchte. Die Blätter erscheinen erst nach der Blüte. Sie sind grundständig, im Umriss herzförmig bis hufeisenförmig, bis zu 30 cm groß, anfangs beiderseits wollig-filzig, später oberseits kahl. Geruch schwach honigartig, Geschmack schleimig.

Vorkommen und Lebensraum: Heimisch in Europa, Afrika und in West- und Ost-Asien. In Nordamerika gilt Huflattich als eingebürgert. Besiedelt gerne sonnige, aber feuchte Standorte auf tonigen und lehmigen Böden. Häufig an Dämmen, in Steinbrüchen, Kiesgruben und unbefestigten Wegen bis in Höhenlagen von bis zu 2000 Metern zu finden. Nach Gerhard Madaus die einzige Pflanzenart, die auf reiner Braunkohle gedeihen kann.

Blütezeit: Februar bis April/Mai

Blütenmerkmale und -farbe: Strahlenförmige, goldgelbe Köpfchen mit rein männlichen Röhrenblüten umgeben von rein weiblichen Zungenblüten.

Sammelhinweise: Die Blätter von Mai bis Juni sammeln und frisch oder getrocknet verwenden. Die Blätter des Frühlings und aus sonnigen Standorten gelten als heilwirksamer. Die Blüten und Samen sind leicht mit denen des Löwenzahns (Taraxacum officinale) zu verwechseln, wobei Huflattichblüten kleiner sind und der Blütenstiel geschuppt ist. Eine Verwechslung mit der Weißen Pestwurz (Petasites albus) kann aufgrund der ähnlichen Blattform entstehen. Die Pestwurz hat größere und oberseits weniger glatte Blätter und einen deutlich höheren Gehalt an Pyrrolizdin als Huflattich.

ALTES KRÄUTERWISSEN

Huflattich gehört vermutlich zu den gebräuchlichsten Arzneimitteln, die bei Husten verwendet wurden. Die Kelten und Germanen kannten bereits die hustenlösende Wirkung und ernteten das Kraut zu genau festgelegten Zeiten: nämlich bei abnehmendem Mond und zurückgehender Flut an einem Donnerstag. Seine Heilkräfte in Form von Rauch sollen sich dann entfalten, wenn er verascht wird und der Rauch mit Hilfe eines Rohrs durch den Mund eingesogen wird, bis er "alle Blutgefäße und den Magen durchdringt" (Marzell, 2002). Noch bis in die ersten Nachkriegsjahre legten die Bauern die kühlenden "Huefbledschen" auf die von der Wundrose (Erysipel) befallenen Hautbezirke.

Ein Pflänzchen, dass sich bereits nach der Schneeschmelze wie eine hochsommerliche Sonnenblume darstellt und vorerst noch nicht mal Blätter ausbildet, gab für die Alten so manches Rätsel auf. Der Altvater der Botanik, Leonhart Fuchs (1501 - 1566), machte sich so seine Gedanken über die "Roßhub", die er bei "keichen oder enge des athembs" verwendete: "Im anfang des Mertzen / Aprillen und Meyen / so bringt die Roßhub jhre wollechten stengel / und auff denselbigen die geelen blumen / on alle bletter. Darumb seind auch vil gewesen die geglaubt haben / das diß kraut habe weder stengel noch blumen / ... Welcher aber diß nit glauben wil / der grab die blumen auß mit der wurtzel unn setzes jn / so würt er sehen das mit der zeit die bletter herfür kriechen werden / die er nit leügnen kan das sie der Roßhuben seind."

WILDKRÄUTERKÜCHE

Im zeitigen Frühling sind die dottergelben und süßlich-herben Blüten eine optische Bereicherung im Wildkräutersalat oder der Gründonnerstagssuppe, die ja bekanntlich das ganze Jahr vor Krankheit schützen soll. Die vitamin- und mineralstoffreichen Blätter findet man ab Mai auf den Wiesen. Die großen Blätter sind Ersatz für Kohlblätter, die erst im Herbst zeitig sind. Neben Hackfleischfüllungen kann man Frischkäse oder kleingeschnittenes Gemüse einwickeln und die Rouladen in der Pfanne ausbacken. Kleingehackte Blätter harmonieren im Pfannkuchenteig, Bratlingen, zu Ei- und Käsegerichten oder in Suppen und Salaten. Zudem nutzte man in früheren Zeiten die großen und kühlenden Blätter auch als Verpackungsmaterial und hielt dadurch die Butter länger frisch. Die Wurzel erntet man in den Herbst- und Wintermonaten und gibt sie gesäubert und kleingeschnitten zu Gemüsegerichten, Bratlingen oder Hackfleischgerichten.

Wegen der enthaltenen Pyrrolizidinalkaloide sollten die Blüten nur in kleinen Mengen und Zubereitungen aus den Blättern und der Wurzel nur gelegentlich verzehrt werden. Diese Bedenken bestehen bei den Alkaloid-freien Züchtungen aus dem Garten nicht.

PHARMAKOLOGIE

Verwendete Pflanzenteile: Huflattichblätter (Farfarae herba), Huflattichblüten (Farfarae flos)

Wirkstoffe: Schleimstoffe, Inulin, Alkaloide vom Pyrrolizidintyp, Gerbstoffe, wenig Bitterstoffe, Phytosterole, Pflanzensäuren, Vitamin C, Mineralien (Zink)

Wirkspektrum: adstringierend, auswurffördernd, entzündungshemmend, erweichend, krampflösend, schleimlösend

Heilanzeigen: Akute Katarrhe der Luftwege mit Husten und Heiserkeit, wie Reizhusten und Bronchitis, Asthma, Silikosen; akute, leichte Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut; äußerlich zur Kühlung bei Brandwunden, Venenentzündungen, geschwollenen Augenlidern und Gliedern.

Hinweise, Nebenwirkung und Gegenanzeigen: Huflattichzubereitungen sollten nicht länger als zwei bis drei Wochen eingenommen werden und maximal 4 - 6 Wochen im Jahr. Pyrrolizidinalkaloide gelten bei Langzeiteinnahme als lebertoxisch. Während der Schwangerschaft, Stillzeit und bei Kindern bestehen Gegenanzeigen. Laut Kommission E darf die maximale Tagesdosis von 1 µg toxischer Pyrrolizidinalkaloide nicht überschritten werden. Die Verantwortlichkeit für den Gehalt der Alkaloide liegt beim Apotheker. Es sind neue Zuchtsorten ohne Alkaloide unter der Bezeichnung Tussilago farfara "Wien" auf dem Markt, für die keine Anwendungsbeschränkungen bestehen.


HEILANZEIGEN

Seine Heilwirkung bei kurzem Atem, Schwindsucht, Husten, Engbrüstigkeit, Keuchen und Brustkrankheiten wurde von ältesten Naturärzten bis zu den Heilkundigen der Neuzeit gerühmt; angefangen von den Hippokratikern über Plinius, Dioskurides, Paracelsus, den Kräutervätern der Renaissance und vielen anderen Heilkundigen, wie Kneipp oder Maria Treben. Pfarrer Kneipps Worte dazu waren: "Der Schöpfer hat manches Kraut und manche Pflanze wachsen lassen, die man wenig achtet oder gar verachtet, so dass man eine Freude hat, einer solchen Pflanze einen Fußtritt geben zu können. Dieses Schicksal trifft auch den Huflattich, weil er gewöhnlich als das reinste Unkraut gilt. Wer aber diese Pflanze kennt, wird sie hochschätzen und als vorzügliches Hausmittel behandeln" (Kneipp, 2008).

Die Heilwirkung bei Atemwegserkrankungen dürfte vor allem auf den Gehalt an Schleimstoffen beruhen, welche die Schleimhäute mit einem reizlindernden Film überziehen, so die Schmerzempfindlichkeit und den Hustenreiz vermindern und den zähen Bronchialschleim verflüssigen. Um die Anwendung nochmal in die Worte der Neuzeit zu übersetzen: Die innere Anwendung des Huflattichs erfolgt zur Reizliderung bei chronischen Bronchitiden, Asthma, Silikosen, akuten Katarrhen der Luftwege mit Husten und Heiserkeit. Es ist ratsam, sich abends Tee in einer Isolierkanne als Morgenvorrat bereitzustellen. Vor dem ersten Aufstehen eine Tasse Tee mit Honig getrunken, lindert quälende Hustenreizanfälle, die häufig durch körperliche Anstrengung ausgelöst werden.

Möglich ist auch eine äußere Anwendung des Tees als Gurgellösung bei Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut. Die kühlend wirkenden Blätter leisten zur Linderung von Insektenstichen, oder, wie der Volksname Brandlattich schon sagt, bei leichten Verbrennungen wertvolle Dienste. Der Pragmatiker Pfarrer Kneipp verordnete die kühlenden Huflattichblätter auf die Brust gelegt, um die Hitze (Entzündungsprozesse bis Fieber) aus dem Körper zu ziehen. Ein Brei der zerstampften Blätter kühlt geschwollene Beine und Augenlider oder unterstützt den Heilungsprozess bei oberflächlichen Venenentzündungen und gichtig geschwollenen Gliedern.

Der sorglose Umgang mit Huflattich nahm Ende der 80er Jahre ein jähes Ende. Tierexperimente haben nach Angaben des Bundesgesundheitsamtes bewiesen, dass die Pflanze lebertoxisch sei und Krebs auslösen könne. Das Bundesgesundheitsamt und die Yellow press warnten eindringlich vor dem Gebrauch des Huflattichs und anderer Kräuter, die Pyrrolizidinalkaloide enthalten. Es wurde jedoch verschwiegen, dass die Versuchsratten einen Futtercoctail mit bis zu 32% Huflattichanteil bekamen und bei Futterverweigerung zwangsweise ernährt wurden. Dosierungen in dieser Höhe und längerer Anwendung werden bei fast allen Heil- und Gartenpflanzen oder Nahrungsmitteln unerwünschte Nebenwirkungen auslösen. Die Dosis ist das Gift! Abgesehen davon, dass Ergebnisse aus Tierversuchen nicht zwangsweise auf den Menschen übertragbar sind, sollten sorgfältig gewählte therapeutische Dosierungen und eine gelegentliche Wildkräutermahlzeit keine Gefahr für den Menschen darstellen. "Huflattich verliert durch den Gehalt an Pyrrolizidinalkaloiden auf keinen Fall seinen Wert als Hustenmittel", postulierte der ehemalige Vorsitzende der Gesellschaft für Phytotherapie, Volker Fintelmann (Fintelmann, Weiss, 2009).

Als Alternative zur phytotherapeutischen Verwendung kann auch auf spagyrische Essenzen (10 Tropfen mehrmals täglich in Wasser gelöst) oder homöopathische Zubereitungen von Tussilago farfara (Syn. Farfara) zurückgegriffen werden, die aus frischen Blättern hergestellt wird. Die Indikationen entsprechen in etwa der phytotherapeutischen Anwendung. Als Beispiel für ein Komplexmittel bei unproduktivem, trockenem Reizhusten sei hier das Präparat Tussilago F Komplex der Firma Nestmann genannt.

REZEPTE

Innere Anwendung bei Erkrankungen der Atemwege
Etwa einen Teelöffel Huflattichblätter (Farfarae folium) mit einer Tasse heißem Wasser übergießen und 10 Minuten lang ziehen lassen, dann abseihen. Zum Süßen mit Honig auf Körpertemperatur abkühlen lassen und erst dann einen Teelöffel Honig hinzufügen. Zwei bis dreimal täglich eine Tasse trinken.
Alternativ: Aus den im Schatten getrockneten Blättern mit dem Mörser ein Pulver herstellen. Zwei- bis dreimal täglich davon eine Messerspitze in heißem Wasser lösen und trinken.

Äußere Anwendung der Teezubereitung
Den Tee zur äußeren Anwendung zum Gurgeln oder zum Mundspülen bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum verwenden.

Umschläge zur Kühlung bei Brandwunden, Venenentzündungen, geschwollenen Augenlidern und Gliedern: Frische Blätter mit dem Nudelholz plattwalzen und etwa 10 Minuten auflegen.

Literatur
Bühring Ursel: Praxis-Lehrbuch der modernen Heilpflanzenkunde, Karl F. Haug Verlag, Stuttgart, 2009
Fintelmann Volker, Weiß Rudolf Fritz: Lehrbuch Phytotherapie, Hippokrates Verlag, Stuttgart, 2009
Fleischhauer Steffen Guido, Guthmann Jürgen, Spiegelberger Roland: Enzyklopädie Essbare Wildpflanzen, AT Verlag, Aarau und München, 2013
Fuchs Leonhart: Kreütterbuch, Ausgabe Basel, Michael Isingrin 1543, Reprint Konrad Kölbl, München, 1975
Genaust Helmut: Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen, Nikol, Hamburg, 2005
Hildegard von Bingen: Heilkraft der Natur "Physica", Christiana-Verlag, Stein am Rhein, 2009
Kneipp Sebastian: Haus-Apotheke, Genehmigte Lizenzausgabe Nikol Verlagsgesellschaft mhH & Co. KG, Hamburg, 2008
Marzell Heinrich: Geschichte und Volkskunde der deutschen Heilpflanzen, Nachdr. der 2. verm. und verb. Aufl., Stuttgart 1938, Reichl Verlag, St. Goar, 2002
Müller Irmgard: Die pflanzlichen Heilmittel bei Hildegard von Bingen, Verlag Herder GmbH, 2008
Plinius Secundus, Gaius: Naturkunde Buch XXIV, Hrsg. und übers. von Roderich König in Zusammenarbeit mit Joachim Hopp, Artemis & Winkler Verlag GmbH, München, 1993
Roth Lutz, Daunderer Max, Kormann Kurt: Giftpflanzen Pflanzengifte, Nikol, Hamburg, 2012
Stadlbauer Ferdinand: "Reibet die Fußsohlen mit weißem Senf..." Heilpflanzen der Oberpfalz, Friedrich Pustet, Regensburg, 1979
Treben Maria: Gesundheit aus der Apotheke Gottes, Verlag Wilhlem Ennsthaler, Steyr, 1980
Wichtl Max: Teedrogen und Phytophyarmaka, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, 2009

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