Vanille - Vanilla planifolia

Vanille - Vanilla planifolia
Eine Orchidee als Gewürz- und Heilpflanze

In der Naturmedizin führt die Vanille nur ein Schattendasein und gehört zu den fast vergessenen Heilmitteln. Sie ist nach Safran das teuerste Gewürz der Welt und aus der Küche nicht mehr wegzudenken. Wir denken sofort an den süßen Duft der Verlockung, der beruhigend und entspannend auf das Gemüt wirkt. Das kletternde Orchideengewächs hat Haftwurzeln und ist auf eine Wirtspflanze angewiesen, die sie mit ihren zauberhaften Blüten verziert aber auch erdrosseln kann.

Botanik

Die Echte Vanille (Vanilla planifolia, syn. Vanilla fragrans) gehört zur großen, etwa 18.000 Arten umfassenden Familie der Orchideengewächse (Orchidaceae). Sie ist die einzige Nutzpflanze innerhalb dieser Pflanzenfamilie und wuchs ursprünglich ausschließlich in den küstennahen tropischen Regenwäldern Südostmexikos, Mittel- und Südamerikas. Heute wird sie in vielen tropischen Ländern wie Java und Sri Lanka angebaut. Vanille ist eine mehrjährige Kletterpflanze, die pro Tag nur eine grünlich-gelbe Blüte entwickelt. In der Natur werden die Blüten durch Kolibris und Hummeln bestäubt, damit sich die bis 25 cm langen, dünnen Früchte ("Schoten") mit einer Vielzahl kleiner schwarzer Samen bilden. Der Hauptanteil der Ernte geht in die Süßwarenindustrie oder kommt als Gewürz und Aromastoff in den Handel. Nur ein kleiner Teil der Vanillefrüchte (Droge: Vanillae fructus)  wird für medizinische Zwecke genutzt.

Inhaltsstoffe, Geruch und Geschmack

1,5 - 3% Vanillin (Bourbonvanille 3,2 - 3,7%), Vanilloisid, Vanillinsäure, Harze, Schleimstoffe, Gerbstoffe, Enzyme, fettes Öl, Wachse, Wasser
Die charakteristischen Aromastoffe entfalten sich erst mehrere Tage nach der Ernte durch einen Fermentationsprozess. Sie sind bei frischer Vanille an Zuckermoleküle gebunden und können erst durch eine enzymatische Reaktion mit Hilfe von Wärme freigesetzt werden. Der Geschmack ist angenehm würzig nach Vanillin.

Verwendung einst und jetzt

Vanille galt wie Kakao im Reich der Azteken zum einen als Würzmittel von Speisen und Schokolade  andererseits als wirkungsvolles Aphrodisiakum. Spanische Eroberer brachten Anfang des 16. Jhds. die ersten fermentierten Früchte nach Europa. Die Kombination von Kakao und Vanille erreichte im 17. Jahrhundert schließlich an den europäischen Fürstenhöfen eine auffallende Beliebtheit - wohl auch wegen des Rufs als "Liebesgewürz". Bis ins 19. Jahrhundert wurde Vanille in den amtlichen europäischen Arzneibüchern als Aphrodisiakum geführt und ist bis heute eine häufige Zutat zu "Liebesmenues".

Der hohe Preis der Vanille erklärt sich durch die vielen manuellen Schritte im Anbau und der Aufbereitung. 1874 gelang den Chemikern Haarmann, Tiemann und Reimer erstmals im Labor eine synthetische Kopie des Vanillins, das als "naturidentischer Aromastoff" gekennzeichnet werden muss  - seit 1991 ist die biotechnologische Herstellung von Vanille als "natürlicher Aromastoff" möglich. Beide "Kopien" können weder Heilwirkung noch die vielfältigen Komponenten des Aromas Echter Vanille ersetzen.

Um bei Kunden mit olfaktorischen Reizen Endorphine freizusetzen und die Kauflust zu steigern aromatisieren viele Kaufhäuser heute die Räume mit Düften. Der blumige Vanilleduft weckt Kindheitserinnerungen und wirkt gleichzeitig beruhigend und entspannend.

Wirkspektrum

Das stark aromatische Aroma der Vanille stimuliert sämtliche Verdauungsdrüsen und wirkt vermutlich appetitanregend und verdauungsfördernd. Zudem besitzt es antioxidative Eigenschaften (Teuscher, 2003). Nach wie vor gilt Vanille in der Erfahrungsheilkunde als Aphrodisiakum und Mittel zur Förderung der Menstruation. Meist werden dazu Tinkturen verwendet. Eine zerkleinerte Vanilleschote wird mit 70igem Alkohol bedeckt. Etwa 10 Tage durchziehen lassen, danach abfiltern. Die Tagesdosis beträgt 0,5 Gramm.

Vanilla aromatica ist auch ein Heilmittel in homöopathischer Dosis. Die leuchtend helle Blüte und die schrumpelig dunkle Frucht spiegeln sich in der Vanilla-Persönlichkeit. Diese sieht trotz Jugend faltig und grau aus. Sie ist ernst und nachdenklich und bevorzugt dunkle, eher selten weiße Kleidung - die bunten Farben fehlen ganz. Euphorie und seelischer Tiefstand stehen im Wechsel. Schwermut, Apathie, Antriebslosigkeit und ein vermehrtes Schlafbedürfnis sind weitere Anhaltspunkte, die an Vanilla denken lassen. Dann sind Hochpotenzen oder LM-Gaben wirksam, hingegen bei Hauterkrankungen nach W. Boericke (1996) die sechste bis 30. Potenz und zur Förderung der Menstruation oder als Aphrodisiakum niedrige Potenzen hilfreich sind.

Sicherheitshinweise

Nach dem Verzehr vanillehaltiger Speisen kann es gelegentlich zu allergischen Erscheinungen wie Urtikaria und Gesichtsschwellungen kommen. Besonders häufig zeigen Kinder mit Neurodermitis allergische Reaktionen. Zudem traten bei Arbeiterinnen, die Vanille verpackten, Kontaktallergien und eine verstärkte Menstruation auf.



Literaturhinweise
Boericke W: Handbuch der homöopathischen Materia medica, Karl F. Haug Verlag, 1996
Friedrich, Friedrich: Charaktere homöopathischer Arzneimittel, Band 5, Traupe-Vertrieb, 2005
Hiller, Melzig: Lexikon der Arzneipflanzen und Drogen, Genehmigte Sonderausgabe für area verlag gmbH, Erftstadt, 2006
Roth, Daunderer, Kormann: Giftpflanzen Pflanzengifte, Nikol Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG Hamburg, 1994
Teuscher E:  Gewürzdrogen, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart, 2003
Vaupel E: Gewürze - Acht kulturhistorische Portraits, Deutsches Museum, 2002

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